Friedrich Hölderlin zum

 

250. Geburtstag (* 20.03.1770)

 

 

 

 

 

DES MORGENS

 

 

 

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher

 

Eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt

 

Ihr schwankendes Haupt und im Geblätter

 

Rauscht es und schimmert; und um die grauen

 

 

 

Gewölke streifen rötliche Flammen dort,

 

Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;

 

Wie Fluten am Gestade, wogen

 

Höher und höher die Wandelbaren.

 

 

 

Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,

 

Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!

 

Denn offner fliegt, vertrauter dir mein

 

Auge, du Freudiger! zu, so lang du

 

In deiner Schöne jugendlich blickst und noch

 

Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;

 

Du möchtest immer eilen, könnt ich,

 

Göttlicher Wandrer, mit dir! – doch lächelst

 

 

 

Des frohen Übermütigen du, dass er

 

Dir gleichen möchte; segne mir lieber dann

 

Mein sterblich Tun und heitre wieder

 

Gütiger! heute den stillen Pfad mir.

 

 

 

Friedrich Hölderlin, 1799

 

 

 

 

 

Friedrich Hölderlin wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Sein Vater war Mitarbeiter der Württembergischen Kirche („Klosterhofmeister und geistlicher Verwalter“ des früheren Klosterguts in Lauffen). Die Familie gehörte in dem kleinen Herzogtum Württemberg zur „Ehrbarkeit“, der höchsten bürgerlichen Dienstklasse. Aus dieser gingen die Geistlichen (Lutherische Pfarrer, kirchliche Mitarbeiter) ebenso hervor wie die Beamten. Auch Friedrich Hölderlin sollte ursprünglich Pfarrer werden. Er besuchte die Seminare in Denkendorf und Maulbronn, sowie das Tübinger Stift. Dort kam er mit den Ideen der Aufklärung in Berührung. Schon 1788 schrieb er die Ode „Männerjubel“, welche in ihrer Begeisterung schon ganz auf der Linie der Französischen Revolution lag. 1793 schloss Friedrich Hölderlin seine theologischen Studien mit der Befähigung zum geistlichen Amt ab. Da er aber nicht vorhatte, Pfarrer zu werden, nahm er bei Charlotte von Kalb in Waltershausen/ Meinigen eine Hofmeisterstelle (Hauslehrerstelle) an. Die Jahre 1794/1795 verbrachte Hölderlin u.a. in Waltershausen und in Jena. In Jena interessierte er den Verleger Johann Friedrich Cotta für den entstehenden Briefroman „Hyperion“. Dort knüpfte Hölderlin auch Kontakte zu Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang Goethe. 1795 beendete Hölderlin sein Dienstverhältnis bei der Familie von Kalb, verbrachte einen Sommer in Nürtingen, wo er Teile seiner Kindheit verbracht hatte und seine Familie immer noch lebte, und reiste schließlich nach Frankfurt am Main. 1796 trat Hölderlin seine zweite Hauslehrerstelle bei der Familie Gontard an. Er verliebte sich in Susette Gontard, die Hausherrin. Hölderlin nahm sie zum Vorbild für „Diotima“, die Geliebte „Hyperions“, des griechischen Freiheitskämpfers gegen die Osmanen, im gleichnamigen Briefroman. Dieser griff den griechischen Aufstand von 1770 auf und setzte ihn zur Situation in Deutschland nach 1793 in Bezug. In den Jahren 1797 und 1799 erschienen die beiden Bände des Briefromans „Hyperion“ bei Cotta. In dieser Zeit erschienen daneben immer wieder Gedichte und Aufsätze Hölderlins in verschiedenen Zeitschriften. Friedrich Hölderlin musste nach der Entdeckung seiner Affäre mit Susette Gontard durch deren Ehemann Mitte September 1798 nach Homburg vor der Höhe übersiedeln. Dort arbeitete er an dem Fragment bleibenden Drama über „Empedokles“. 1800 kehrte Hölderlin nach Nürtingen zurück. 1801 trat er eine weitere Hauslehrerstelle in Hauptwyl bei St. Gallen an. Diese muss er aber bereits im April 1801 aufgeben. 1801 entstanden die großen Elegien und Hymnen. 1802 trat Hölderlin seine letzte Hauslehrerstelle in Bordeaux an. Er musste diese aber nach wenigen Monaten aufgeben und kehrte in geistig zerrüttetem Zustand im Juni 1802 nach Nürtingen zurück. Am 22. Juni 1802 starb Susette Gontard. In den Jahren 1802 bis 1804 lebte Friedrich Hölderlin bei seiner Mutter in Nürtingen. Er übersetzte u.a. die Werke des Sophokles aus dem Griechischen. Sie erschienen 1804 bei Friedrich Wilmans in Frankfurt. In diesen Jahren verschlimmerte sich der geistige Zustand Friedrich Hölderlins immer mehr. Im Juni 1804 holte ihn sein Freund Isaak Sinclair zu sich nach Homburg vor der Höhe. 1806 lieferte ihn Sinclair in eine Klinik in Tübingen ein. Ab 1807 lebte Friedrich Hölderlin, „in geistiger Umnachtung“ (wie es damals hieß), bei dem Tübinger Schreinermeister Zimmer und seiner Familie in dem Gebäude, das heute „Hölderlin-Turm“ genannt wird. Der geistig umnachtete Dichter, der nach heutigen Begriffen an Schizophrenie erkrankt war, dichtete weiter. Er signierte seine Werke mit verschiedenen Namen und datierte sie teilweise bewusst „falsch“, d.h. fantasievoll. 1826 brachten die schwäbischen Dichter Gustav Schwab, Ludwig Uhland und Justinus Kerner eine erste Ausgabe der Gedichte Friedrich Hölderlins heraus. Am 07. Juni 1843 starb Friedrich Hölderlin in Tübingen.

 

Mathias Hüther